So einfach und doch so schwer
Wenn Sie Menschen begegnen, die auf einem bestimmten Gebiet richtig gute Expertise besitzen und Sie unterhalten sich ein wenig länger mit Ihnen, werden Sie fast immer einen Satz hören wie: "Anfangs dachte ich ...", "... habe ich dann erst im Laufe der Zeit", "war ja auch nicht abzusehen ... ", "... hatte ich den Überblick und konnte ...".
Der Volksmund formuliert "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen".
Mir fällt noch ein: Erfolg kommt durch richtige Entscheidungen, richtige Entscheidungen kommen durch Erfahrung, Erfahrung kommt durch Fehler.
Ich möchte hier nicht den Verzicht auf Ausbildung durch Versuch und Irrtum propagieren, die Vorstellung beim Zahnarzt zu hören "Ich versuche es heute mal anders, hab' da was gelesen" ist ziemlich unschön.
Die Frage, die ich mir stelle, ist die: Wenn alle Menschen die Erfahrung machen, daß man mit der Zeit besser wird, warum erwarten dann viele Leute die ein Projekt aufsetzen, die große Erkenntnis zu Beginn ?
Da werden wie vor 20 Jahren Meetings angesetzt, zentnerweise Papier vollgeschrieben, Formulierungen diskutiert und Abläufe skizziert, obwohl man noch nicht einmal angefangen hat. Meine Erfahrungen mit der Art und Weise wie Menschen ticken und Erkenntnis gewinnen zeigt, daß die guten Ideen in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Problemstellung entstehen.
Kann man diese Auseinandersetzung simulieren ? Zum Teil. Mit Planspielen und Prototypen. Werden diese durchgeführt, erstellt ? Nein, das kostet ja. Papier ist preiswert und geduldig. Der Katzenjammer kommt dann im Projekt.
Besser wäre doch ein iteratives Vorgehen, Zug um Zug zum Erfolg. Warum ist das so schwer umzusetzen in der gegenwärtigen Praxis ?
Menschen mögen keine Ungewissheit, als kleine Schwester der Veränderung ist sie für die Meisten nur schwer zu ertragen.
Verantwortliche wollen einen Festpreis und ein exaktes Zeitfenster. Menschlich gesehen ein nachvollziehbares Bedürfnis, bloss wenn es doch kontraproduktiv ist, die Gefahr eines Fehlschlags erhöht, warum dann diesem Bedürfnis nachgeben ?
Eine nette Geschichte dazu aus dem Blog von Derek Sivers (auch auf deutsch zu lesen, sehr gute automatisierte Übersetzung, die ist alleine schon einen Besuch wert ).
Es geht um Gehwege in einer neuen Uni Grünanlage: Die Einen wollen sie da, die Anderen dort. Ein Professor schlägt schliesslich vor, ein Jahr lang nichts zu tun und dann die durch die Studenten 'erlaufenen' Wege zu pflastern. Eine einfach, gute, zielführende Idee, nicht wahr ? Derek formuliert daraus den Ratschlag: "Widerstehe dem Drang, alles im Vorhinein zu ergründen, Erkenne, dass dies der Zeitpunkt ist, an dem du am Wenigsten weißt"
Wo er Recht hat ...
