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Die Meinung von Joachim Reichel

So einfach und doch so schwer

Wednesday December 09, 2009 @ 10:56 PM (CET)

Wenn Sie Menschen begegnen, die auf einem bestimmten Gebiet richtig gute Expertise
besitzen und Sie unterhalten sich ein wenig länger mit Ihnen, werden Sie fast immer
einen Satz hören wie: “Anfangs dachte ich …”, “… habe ich dann erst im Laufe der Zeit”, "war ja auch nicht abzusehen … ", “… hatte ich den Überblick und konnte …”.
Der Volksmund formuliert “Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen”.

Mir fällt noch ein: Erfolg kommt durch richtige Entscheidungen, richtige Entscheidungen kommen durch Erfahrung, Erfahrung kommt durch Fehler.

Ich möchte hier nicht den Verzicht auf Ausbildung durch Versuch und Irrtum propagieren, die Vorstellung beim Zahnarzt zu hören “Ich versuche es heute mal anders, hab’ da was gelesen” ist ziemlich unschön.

Die Frage, die ich mir stelle, ist die:
Wenn alle Menschen die Erfahrung machen, daß man mit der Zeit besser wird, warum erwarten dann viele Leute die ein Projekt aufsetzen, die große Erkenntnis zu Beginn ?

Da werden wie vor 20 Jahren Meetings angesetzt, zentnerweise Papier vollgeschrieben, Formulierungen diskutiert und Abläufe skizziert, obwohl man noch nicht einmal angefangen hat.
Meine Erfahrungen mit der Art und Weise wie Menschen ticken und Erkenntnis gewinnen zeigt, daß die guten Ideen in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Problemstellung entstehen.

Kann man diese Auseinandersetzung simulieren ? Zum Teil. Mit Planspielen und Prototypen.
Werden diese durchgeführt, erstellt ? Nein, das kostet ja. Papier ist preiswert und geduldig.
Der Katzenjammer kommt dann im Projekt.

Besser wäre doch ein iteratives Vorgehen, Zug um Zug zum Erfolg.
Warum ist das so schwer umzusetzen in der gegenwärtigen Praxis ?

Menschen mögen keine Ungewissheit, als kleine Schwester der Veränderung ist sie für die Meisten nur schwer zu ertragen.
Verantwortliche wollen einen Festpreis und ein exaktes Zeitfenster.
Menschlich gesehen ein nachvollziehbares Bedürfnis, bloss wenn es doch kontraproduktiv ist, die Gefahr eines Fehlschlags erhöht, warum dann diesem Bedürfnis nachgeben ?

Eine nette Geschichte dazu aus dem Blog von Derek Sivers (auch auf deutsch zu lesen, sehr gute automatisierte Übersetzung, die ist alleine schon einen Besuch wert ).
Es geht um Gehwege in einer neuen Uni Grünanlage: Die Einen wollen sie da, die Anderen dort.
Ein Professor schlägt schliesslich vor, ein Jahr lang nichts zu tun und dann die durch die Studenten ‘erlaufenen’ Wege zu pflastern.
Eine einfach, gute, zielführende Idee, nicht wahr ?
Derek formuliert daraus den Ratschlag:
“Widerstehe dem Drang, alles im Vorhinein zu ergründen, Erkenne, dass dies der Zeitpunkt ist, an dem du am Wenigsten weißt”

Wo er Recht hat …

Comments

Vorab: Joachim, Dein Blog ist einfach exzellent – in Beobachtung, Sprache und Standpunkt.

Ich kann Deinen Hinweis hier nur bestätigen. Daher versuche ich auch in meiner Projektarbeit das Prototyping, das Ausprobieren, das Aufstellen einer Anfangsthese zu forcieren und ich glaube, dass viele Kunden dies insgeheim schätzen, es aber eben nicht der Konvention folgt und daher erstmal suspekt ist.

Ich denke, es geht hier auch um das Nicht-Verstehen des Unterschiedes zwischen “komplex” und “kompliziert”. In einem komplexen System oder Problem wirken viele Elemente aufeinander, es gibt umfangreiche Wechselwirkungen, Nicht-Linearität, Zeitverzögerungen, Schleifen; es ist lebendig, offen, nicht-vorhersehbar und oft im Ungleichgewicht – kurz: ein für viele unangenehmes und häßliches System – wie der berühmte Ameisenhaufen im Wald. Man würde eine Ewigkeit brauchen, dies umfänglich zu analysieren und wäre dann doch wieder am Anfang. Hier geht eigentlich nur (s. Cynefin-Modell): Probiere – Erkenne – Handle ! und dann wieder von vorne.

Ein kompliziertes (technisches) System z.b. einen Airbus landen, ein Atomkraftwerk betreiben oder die aktuelle Harvarie von BP im Golf von Mexiko erfordert zunächst die Analyse von Experten.

Viele Projekte basieren aber letztlich auf der Veränderung von Handlungsweisen oder Prozessen in einer Organisation (z.B. Unternehmen) – eben ein offenes, lebendiges und komplexes System und erfordern daher den Einstieg über das Ausprobieren.

goetze
Thursday July 22, 2010 @ 03:24 PM (CEST)

Danke für den Kommentar und das Lob, Goetze.
Der Ansatz das Probiere-Erkenne-Handle mit dem Unterschied zwischen komplex und kompliziert zu erläutern, wird mich beim nächsten Kundengespräch bestimmt unterstützen !

Monday July 26, 2010 @ 11:28 AM (CEST)
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